Bodos erster Frühling

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Das erste war ein Geruch.

Bodo wusste nicht mal dass er aufgewacht war – er lag noch in der Höhle, seine Augen wollten nicht aufgehen. Aber da war etwas. Etwas Nasses, Kaltes, irgendwie Grünes.

Er schnupperte.

Noch mal.

Er öffnete ein Auge.

Draußen war Licht.

Das war seltsam. Bodo kannte das Licht in der Höhle – das Licht wenn Mama morgens das Feuer anmachte. Das hier war anders. Heller. Es fiel schräg herein und machte kleine Staubkörnchen sichtbar die in der Luft tanzten.

„Mama?“, murmelte Bodo.

Keine Antwort. Mama schlief noch, ihr Fell hob und senkte sich in der Ecke.

Bodo rollte sich auf die Seite. Das war anstrengend. Seine Beine fühlten sich an wie aus Holz. Er hatte Hunger – aber einen anderen Hunger als sonst. Kein Magenknurren. Ein Ziehen das er nicht kannte.

Er stand auf.

Sein erster Schritt wackelte. Sein zweiter auch. Er tappte zur Höhlenöffnung wie ein sehr alter Bär, nicht wie ein Bär der erst vier Jahre alt war.

Dann stand er draußen.

Es war kalt. Viel kälter als er sich vorgestellt hatte. Der Boden war nass, eine dünne Schneeschicht lag noch im Schatten der Bäume. Bodo zog die Pfoten zusammen.

Er wollte umkehren.

Aber der Geruch war jetzt stärker. Dieser grüne, nasse, seltsame Geruch. Er kam von dort unten, wo der Wald anfing.

Bodo machte noch einen Schritt. Dann noch einen.

Seine Beine wackelten nicht mehr ganz so schlimm.

Der Wald im Frühling sah anders aus als im Herbst – das letzte woran Bodo sich erinnerte. Im Herbst war alles bunt gewesen, raschelig, vollgepackt. Jetzt war alles zartrosa. Weißgrün. Wie ein Anfang.

Zwischen den Baumwurzeln wuchsen kleine Blüten, so klein dass Bodo sich bücken musste. Er schnupperte daran. Sie rochen nach gar nichts. Trotzdem schaute er sie lange an.

Dann hörte er es.

Summen.

Eine Biene – nein, drei. Sie kamen aus einer Richtung die Bodo noch nicht kannte, aus dem dichteren Teil des Waldes. Sie flogen um ihn herum als würden sie ihn begutachten, dann flogen sie weiter.

Bodo folgte.

Das war vielleicht keine gute Idee. Er war hungrig und müde und seine Pfoten waren kalt. Aber die Bienen flogen so bestimmt, so als würden sie genau wissen wo sie hin wollten.

Sie führten ihn zu einem alten, breiten Baum. Seine Rinde war aufgeplatzt, und aus einem Spalt sickerte etwas Dunkles, Dickes, das in der Morgensonne glänzte.

Honig.

Der erste Honig des Jahres.

Bodo streckte die Pfote aus. Er war ungeschickt – noch nicht richtig wach, noch nicht richtig stark – und bekam mehr Rinde als Honig. Aber was er bekam schmeckte wie nichts was er je gegessen hatte.

Nicht weil der Honig besonders war. Sondern weil er hier war, draußen, mit nassen Pfoten und einem Rücken der schon ein bisschen zitterte vor Kälte, und weil er ihn selbst gefunden hatte.

Er saß lange an dem Baum.

Die Sonne kletterte höher und der Wald wurde wärmer und lauter – Vögel, ein Specht irgendwo, Wind durch Äste die noch kaum Blätter hatten. Bodo aß noch ein bisschen und schaute zu.

Als er zurück zur Höhle stapfte, war Mama aufgewacht. Sie saß in der Höhlenöffnung und schaute ihn an.

„Wo warst du?“

„Draußen.“

Mama schnupperte an ihm. „Du warst am alten Bienenbaum.“

„Ja.“

„Alleine?“

„Ja.“

Mama sagte nichts. Sie schaute ihn nur an, lange. Dann rückte sie ein Stück zur Seite und Bodo setzte sich neben sie.

Sie schauten zusammen in den Wald.

„Wie war er?“, fragte Mama nach einer Weile.

„Der Frühling?“

„Ja.“

Bodo überlegte. Es war kalt gewesen und er war wackelig gewesen und seine Pfoten zitterten noch ein bisschen.

„Gut“, sagte er.

Mama lehnte sich ein bisschen gegen ihn. „Ja“, sagte sie. „Er ist immer gut.“

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